Presseschau April 2001


2001-Apr-02
taz

Rektoriale Wahrheitsliebe
Prozessflut, Schwarzbücher und Meinungszensur: An der Universität Vechta sollen seltsame Dinge vor sich gehen

Ruhige Gegend, nette Menschen, übersichtliche Anlage: An der Universität Vechta lässt es sich studieren. Mit Stolz verweist die Pressestelle der angeblich kleinsten Uni Deutschlands auf die »einzigartige Organisation« und »neuen Wege der akademischen Ausbildung«. Ein berechtigter Stolz, findet Geschichtsprofessor Joachim Kuropka. Schließlich könne er seinen Studenten hier wunderbar das System einer Diktatur demonstrieren. Der praktische Anschauungsunterricht lasse keine Lehrstunde aus: Von »Mobbing« über »Aktenvernichtung« bis hin zu »Einschüchterung von kritischen Journalisten«.

Der als »Diktator« Verdächtigte heißt Jürgen Howe und ist seit 1995 Rektor der Universität Vechta. Vor zwei Jahren ließ Howe 17 Lehraufträge streichen – wie sich nun herausstellte trotz eines Haushalts-»Übertrags« von 2,6 Millionen Mark. Die protestierenden Studenten gründeten mit eigenen Mitteln eine Not-Uni. Das hat Howe gar nicht gefallen. »Seither«, klagt der Professor für Wirtschaftspolitik Hermann von Laer, »werden kritische Studenten und Professoren gemobbt und Linientreue honoriert.«

So sei der studentischen Hilfskraft Katharina Schulz wegen eines Links auf ihrer privaten Hompage ein Vertrag verweigert worden: Der Mausklick führt zu einem mit »Schwarzbuch« betitelten Bericht über die Machenschaften des vermeintlichen Rektors. Dieser kann über derlei Vorwürfe nur lachen: »Die kommen von einer Oppositionsgruppe, die bei jeder Entscheidung den Untergang des Abendlandes fürchtet«, wehrt der Rektor ab. Und Frau Schulz? Ja, die habe gerade erst einen Prozess gegen ihn verloren. Die Studentin habe eine Dauerbeschäftigung erreichen wollen, was natürlich nicht gehe. Da man aber nicht nachtragend sei, werde sie sicher wieder einen Vertrag erhalten. Also kein Grund zur Aufregung. Alles in Ordnung.

Fast alles. Denn von einem gewonnenen Prozess kann nicht die Rede sein. Wie der offizielle Bericht des Arbeitsgerichts Oldenburg dokumentiert, musste der Rektor in Wahrheit einen Vergleich hinnehmen. Katharina Schulz hatte sich eine Garantie erkämpft: Howe ist demnach verpflichtet, einer erneuten Beschäftigung zuzustimmen. Eine rektoriale Kavalierslüge? Wohl kaum. Denn sowohl die schwach ausgeprägte Wahrheitsliebe als auch der politische Stil des Jürgen Howe fällt mittlerweile auch außerhalb des Lehrtempels auf.

So findet der Vechtaer Landrat Clemens-August Krapp (CDU) deutliche Worte: »Der Fisch stinkt vom Kopf her. Der Kopf muss ab!« Die Vielzahl der gegen Howe geführten Prozesse – von gegenwärtig vier Anklagen ist die Rede – sage alles. Und über den Vorwurf der Diktatur dürfe sich Howe nicht wundern: »Er schützt diejenigen, die ihn gewählt haben. Das kann man vielleicht einmal vor einer Wahl machen. Danach muss dann aber Schluss damit sein!« Der Rektor, mahnt Krapp, sei nicht für einige Lieblinge da, sondern für die gesamte Hochschule.

Also auch für den allgemeinen Studentenausschuss, sollte man meinen. Doch der scheint an den derzeitigen Verhältnissen nichts auszusetzen. So ist auf der AStA-Seite der Universitäts-Homepage nicht viel mehr zu finden, als ein paar Telefonnummern, Ortsangaben und Treffzeiten. »Kein Wunder«, sagt Student Martin Jungwirth: »Die haben unsere Seite abgeklemmt!« Wovon Herr Howe offensichtlich nichts weiß: »Eine Seite des AStA müsste es auf unserer Homepage gegen.« Eigentlich.

Johannes Bruggaier



2001-Apr-05
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die gebrechliche Freiheit von Forschung und Lehre

Wenn eine große Zahl von namhaften Hochschullehrern und Professoren jetzt an die Öffentlichkeit tritt, um auf die Probleme einer leistungsorientierten Besoldung aufmerksam zu machen, so war das längst überfällig (F.A.Z. vom 29. März). In der bisherigen Diskussion vermisse ich Hinweise auf die Folge, die die Durchsetzung des neuen Besoldungsrechts für das sehr gebrechliche Rechtsgut der Freiheit von Forschung und Lehre hätte. In dieses so unbedingt schützenswerte Freiheitsrecht wäre weitaus leichter einzugreifen, als das gegenwärtig möglich ist. Wie das funktionieren könnte, illustriert die informell entstandene Struktur in Vechta. Unsere sehr kleine und überschaubare Universität mag marginal erscheinen, doch liegen wir innerhalb der allgemeinen Umbauentwicklung weit vorn. Zunächst diente Vechta als Versuchsobjekt für das »Modell« Hochschulrat. Das überparteiliche Forum Universität, zur kritischen Begleitung dieses Experiments gegründet, hat sich in dieser Zeitung mehrfach dazu zu Wort gemeldet. Nachdem der Wissenschaftsrat 1999 über das Wirken des Vechtaer Hochschulrats ein vernichtendes Urteil gefällt hatte, ist es stiller um dieses Laiengremium geworden.

Indessen konnte sich an der Hochschule eine Leitungsebene etablieren, die ihr Amt im Stile einer neofeudalen Herrschaft führt. Der Ruf nach einer »machtvollen Institution«, nämlich einem Rektor, der »Qualität, Dynamik und Selbstverantwortung« der Universität mit »Belohnung und Bestrafung« herstellt, wird gegenwärtig allerorten erhoben. Was aber, wenn der »starke Mann« die erwarteten Ziele nur vorgeblich, in Wahrheit bloß seine eigenen Herrschaftsinteressen verfolgt? Daß solche Fehlentwicklungen nicht nur denkbar, sondern sogar ziemlich naheliegend sind, kann man in Vechta studieren. Bei Entscheidungen läßt sich der Rektor durch die Tatsache leiten, ob der »Begünstigte« sein Wähler ist oder nicht; Kritik an Managementfehlern wird durch Benachteiligungen abgestraft, Kontrollgremien und funktionsstellen sind (zum Teil mit Willen des Hochschulrates) abgeschafft oder mit dem Rektor abhängigen Personen besetzt. Selbst die Gewährung von Kleinigkeiten verkommt zum »Gnadenakt« und wird zuweilen an Bedingungen geknüpft.

Bei all dem schaut das zuständige Ministerium unbeteiligt zu. Wie Uwe Walter es in seinem Beitrag »Ist das nicht ein Wetter zum Eierlegen, Herr Professor?« (F.A.Z.-Feuilleton vom 29. März) beschreibt: Nur dienen »Geld und Stellen« hier nicht der Effizienzsteigerung, sondern der Machtpotenzierung einzelner. Noch ist der dienstrechtlich unabhängige, besoldungsmäßig gleichgestellte Professor allein aufgrund seiner Stellung ein Garant der Wissenschaftsfreiheit. Die Dienstrechtsreform schafft über die Bewertung von Leistungen die Voraussetzungen für Eingriffe in die Unabhängigkeit – gleichgültig, ob sie durch sachunkundige Hochschulräte oder durch autoritär agierende Rektoren erfolgen.

Professor Dr. Bernd Ulrich Hucker,
Vechta



2001-Apr-05, 18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Eigentor geschossen?

Alle Alarmglocken schrillen sicherlich bei Dozenten und Studenten des Diplomstudiengangs Erziehungswissenschaft (Schwerpunkt Sozialpädagogik/Sozialarbeit) der Hochschule Vechta. Grund: Rektor Howe lobt sie, und zwar dafür, dass sie überdurchschnittlich kurze Studienzeiten aufweisen (OV vom 22. März). Dies hat der Wissenschaftsrat – nachzulesen im »Spiegel« – festgestellt. An sich ist dies eine höchst erfreuliche Feststellung (und ist umso anerkennenswerter, als Lehre und Forschung im Fach von einer unzureichend großen Dozentenzahl erbracht werden müssen), doch erinnert man sich an den Magisterstudiengang Anglistik/Germanistik. Ebenfalls im »Spiegel« wurde nämlich im April 1999 festgestellt, dass diese beiden Fächer bundesweit an der Spitze liegen (die Vechtaer Anglistik nahm sogar den ersten Platz unter den niedersächsischen Hochschulen ein, die Germanistik lag in Niedersachsen hinter Braunschweig auf dem zweiten Platz) – noch im selben Monat wurde der Magisterstudiengang »zur Belohnung« im Einvernehmen zwischen Rektorat, Hochschulrat und Ministerium (bei leider nur einer einzigen Gegenstimme im Senat) eingestellt. Die Fächer Anglistik und Germanistik bewegen sich seither in Vechta auf PH-Niveau. Möge der Erziehungswissenschaft ihr gutes Abschneiden nicht ebenfalls zum Pyrrhus-Sieg werden.

 Professor Dr. Wilfried Kürschner
 Dohlenstraße 7
 49377 Vechta

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2001-Apr-11
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Ringvorlesung zu Extremismus und Gewalt an der Hochschule
Lehrende wollen die Hintergründe von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ergründen – Erster Vortrag am Mittwoch (18. April)

Vechta – Auch in diesem Sommersemester findet an der Universität wieder eine Ringvorlesung statt, zu der Interessierte eingeladen sind. Das Oberthema lautet »Extremismus und Gewalt in der Gesellschaft«. Statt gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu protestieren, soll in dieser Ringvorlesung auf wissenschaftliche Weise untersucht werden, vor welchem Hintergrund, auf welche Weise und mit welchen Zielen unsere Gesellschaft zu Gewalt neigt und wie man mit dieser Gewalt umgehen könnte.

Die Vorlesungen finden jeweils mittwochs von 19.15 bis 20.00 Uhr in Raum N 02 der Hochschule Vechta statt. Politikwissenschaftler, Germanisten, Theologen, Philosophen, Ökonomen, Historiker, Pädagogen, Anglisten, Soziologen und Sportwissenschaftler nehmen in insgesamt 13 Vorträge jeweils aus der Sicht ihrer Fachdisziplin Stellung zum Generalthema. Den Anfang macht am Mittwoch (18. April) der Politologe Prof. Dr. Peter Nitschke. Er spricht über »Extremismus im demokratischen Verfassungsstatt? Eine internationale Bestandaufnahme«.

Die weiteren Veranstaltungen:
- 25. April: Lucia Licher: »Es soll nicht länger wahr sein, was man seinem Nächsten nicht zufügen darf«. Über Achtung und Verachtung.
- 2. Mai: Prof. Dr. Manfred Balkenohl: Gewalt: Anthropologische Grundlagen und theologische Implikationen.
-  9. Mai: Dr. Christina Schües: Gewalt oder Macht. Politisches Handeln im Anschluss an Hannah Arendt.
-  16. Mai: Prof. Dr. Hermann von Laer: Kampf oder Konsens? Macht und Gewalt in marktwirtschaftlichen Ordnungen
- 23. Mai: Prof. Dr. Joachim Kuropka: »Wenn die Pistole das durchschlagendste Argument im politischen Kampf bildet«. Zum politischen Extremismus in der Weimarer Republik.
- 30. Mai: Prof. Dr. Alwin Hanschmidt: vom religiösen Radikalismus zur politischen Gewaltherrschaft. Das Täuferreich zu Münster 1534/1535.
- 6. Juni: Dr. Holger Morawietz: Gewalt und Gewaltpräventation im Internet.
- 13. Juni: Dr. Cornelia Wienken: Extremistische Sektierer und Bewegungen im Bildungs- und Wirtschaftsbereich.
- 20. Juni: Prof. Dr. Heinz Holtappels: Gewalt in Schulen – Erscheinungsformen, Bedingungsfaktoren und Präventationsansätze.
- 4. Juli: Dr. Helmut Meyer: Hooligans und holliganism: (k)ein britisches Phänomen? Anglistische Annäherungen an ein »handfestes« Thema.
- 11. Juli: Dr. Helmut Gross: Zu einer Phänomenologie der Gewalt: Darstellung, Wirkung und Grenzen.
- 18. Juli: Prof. Dr. Rainer Hildebrandt-Stramann: Gewaltprävention in der Schule durch bewegte Schulkultur?



2001-Apr-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Vechtaer Studenten loben engen Draht zum »Prof«
Neu im Stern-Spezial und Internet: Hochschul-Ranking für geisteswissenschaftliche Fächer und Psychologie

Vechta (west) – Intensiver Kontakt zu den Lehrenden, angenehme Räume und eine gute Ausstattung: Diese Kriterien bescherten Vechta im Hochschulranking des Nachrichtenmagazins »Stern« Pluspunkte. In der Spezial-Ausgabe »Campus & Karriere«, die am 23. April erscheint, stellen Stern und das Gütersloher CHE Centrum für Hochschulentwicklung ihren aktuellen Studienführer für geisteswissenschaftliche Fächer und Psychologie vor.

Über die Studentensekretariate schickten die Organisatoren bis zu 300 Studierenden pro Studiengang und Uni (ab 5. Semester) einen Fragebogen zu. Mindestens 25 mussten jeweils ihre Antworten einreichen, um einen Studiengang in die Wertung zu bringen. Genau deshalb ist Vechta nur in zwei Fächern dabei und taucht in den Rankings für Anglistik oder Geschichte gar nicht auf: »Aus diesen Bereichen lagen uns für Vechta einfach zu wenig Daten vor«, erklärte CHE-Mitarbeiterin Renate Giebisch. Ohnehin sei der Datenrücklauf mit knapp 20 Prozent deutlich geringer als bei den Erhebungen der vergangenen Jahre, die die Bereiche Architektur, Jura, Natur- und Wirtschaftswissenschaften sowie Informatik unter die Lupe nahmen.

Die Vechtaer Lehramts-Studenten im Fach Germanistik lobten vor allem die Betreuung durch die Lehrenden. In dieser Kategorie nimmt Vechta im bundesweiten Vergleich einen Spitzenplatz ein. Das gilt auch im Bereich Erziehungswissenschaften. Zufrieden sind die Studierenden offenbar auch mit den räumlichen Gegebenheiten und mit dem Angebot in Sachen Bibliothek, Computer und Medien. Allerdings: Die angehenden Erziehungswissenschaftler wünschen sich eine bessere Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt.

Zum Ranking gehört in den meisten Fächern auch ein Professoren-Tipp. Bundesweit wurden alle Prof’s der geisteswissenschaftlichen Studiengänge und Psychologie nach ihren Empfehlungen für die beste Hochschule gefragt. Etwa die Hälfte antwortete. Hier hatten die Erziehungswissenschaftler am vergleichsweise kleinen Standort Vechta allerdings nicht so gute Karten, sie landeten am unteren Ende der Skala.

Alle Ergebnisse (auch die früherer Umfragen in anderen Fächern) sind im Internet abrufbar.
Internet-Tipp: www.@stern.de/studienfuehrer



2001-Apr-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Bestandsaufnahme zur Eröffnung
Ringvorlesung zu Extremismus und Gewalt in der Gesellschaft

Vechta – Zur Eröffnung der interdisziplinären Ringvorlesung »Extremismus und Gewalt in der Gesellschaft« an der Hochschule Vechta hielt Professor Peter Nitschke am Mittwoch einen Vortrag über die verschiedenen Formen von Extremismus in den westlichen Verfassungsstaaten. Ausgehend von bestimmten Definitionsmustern, wie das Phänomen extremistischer Gewalt aufgefasst werden kann, skizzierte Nitschke anhand dreier Länder im Vergleich die Schwierigkeiten für den demokratischen Verfassungsstaat im Umgang mit Extremisten.

In den meisten westeuropäischen Ländern habe seit 1945 ein Links-Rechts-Schema in der Wahrnehmung von extremistischen Parteien und Gruppierungen überwogen. Dem hat auch das Bundesverfassungsgericht mit seinen Verbotsurteilen zur KPD und Sozialistischen Reichspartei in den 50er Jahren Rechnung getragen. Ein Extremist ist demnach in Deutschland jemand, der fundamental im Denken wie im Handeln gegen die Prinzipien des Grundgesetzes verstößt und hierbei insbesondere die Qualität der Menschenrechte, der pluralistischen Ordnung bestreitet.

Auch in anderen westlichen Verfassungssystemen ist der Gewaltbegriff hierbei der zentrale Schlüssel. Allerdings zeigen die Beispiele aus Frankreich mit der Front National und aus Italien mit der Movimento Sociale Italiano, dass selbst rechtsextreme bzw. neofaschistische Parteien für die demokratische Mitte hoffähig werden können und sogar Minister stellen können.

Dass ein Extremismus zudem auch bei fundamentalistischen Glaubensgruppierungen vorherrschen kann, zeigte Nitschke mit dem Verweis auf entsprechende Sekten in den USA. Hier werden Anhänger sogar bis zu terroristischen Aktionen ermutigt, wofür das verheerende Bombenattentat von Oklahoma City 1995 steht.

Jenseits dieser Formen von Extremismus kündigt sich seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts noch eine weitere Variante an: der Separatismus als Extremismus. Beispiele sind Flams Blok in Belgien, der Terror von ETA und IRA oder die radikalen Konzepte der Lega Nord.